„Veränderung für die Freiheit“

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Dieser kleiner Geselle kam mir einmal vor die Linse und ich möchte ihn nun dafür nehmen, um an die große Veränderung 1989, die es für mich auf jeden Fall war, zu erinnern. 

Es wird heute eine etwas schwerere Kost für mich, aber es gehört nun auch einmal zu meinem Leben. Der 03.10. ist alljährlich ein deutscher Feiertag. Der Feiertag der Deutschen Einheit. Wer sich auf seine Arbeit schleppen muss, wird ihn herbeisehnen, denn es ist für viele arbeitsfrei.

Bis zur Grenzziehung im August 1961 war Deutschland unter einem Himmel vereint. Danach lebten viele unter einem geteilten Himmel in zwei verschiedenen Ländern. Meine Familie auch. Wir waren die im Osten und das meine ich durchaus  geografisch. Erstaunt? Die anderen waren im Westen und im Süden Deutschlands zu Hause. Meine Oma stammte ursprünglich aus Schlesien und musste mit meinem Opa und meiner Mutter, ihrer einzigen Tochter im Januar 1945 vor der russischen Armee fliehen. Nach mehreren Stopps in verschiedenen Städten, blieben sie in einem kleinen Ort in Sachsen, der zu ihrer neuen Heimat wurde. Die alte Heimat blieb für meine Mutti bis zu ihrem Tod 2010 unvergessen. Die Schwester meiner Oma zog allerdings weiter gen Westen. Eine andere Schwester meiner Oma blieb in Polen wohnen.

Als ich gerade zwanzig Jahre zählte, kamen die „Genossen“ auf mich zu, mich hatten sie schon zwei Jahre länger in Ruhe gelassen, als andere Jugendliche, um mich zu fragen, ob ich in ihre Partei eintreten wolle. „Nein.“ war sofort meine Antwort und darauf bin ich heute noch stolz. „Warum, wieso, weshalb denn nicht?“ kam natürlich von ihrer Seite und ich sagte ihnen, wie ich darüber dachte. „Ich kann meine Arbeit auch tun, wenn ich keiner Partei angehöre.“ war meine Antwort.  Der „Genosse“ damals sah mich an und antwortete „Aber sie können dann nie studieren.“ Darauf antwortete ich „Ich möchte kein Studium absolvieren. Aber ich dachte immer wir leben in einem Arbeiter- und Bauernstaat und jeder hätte die gleichen Rechte?“ Er wurde etwas unruhiger und sagte darauf wieder „Sie können auch nie eine leitende Stelle übernehmen.“ Doch zu genau dieser Zeit hatte ich in diesem Betrieb eine leitende Stelle, ich war Abteilungsleiterin der Reklamationsabteilung und ich sagte ihm „Ich habe doch aber eine leitende Stelle, soll ich diese jetzt niederlegen?“ Und das sagte das in einem Tonfall, das ich durchaus dazu auch bereit gewesen wäre.  Er schaute mich etwas irritiert an und antwortete hektisch „Nein, nein, natürlich nicht.“ Dann wurde ich aus der Mangel entlassen, um nach einigen Wochen wieder zum Gespräch geladen zu werden. Man fragte mich, ob mir der Beitrag zur Parteimitgliedschaft zu hoch wäre, das könnte ja schließlich auch ein Grund sein und ich könnte ruhig ehrlich antworten, denn ein anderer Leiter hätte genau deshalb auch die Mitgliedschaft in der Partei abgelehnt. Ich war ärgerlich, denn ich dachte, was wollen die noch alles wissen, was wollen die hören von mir außer einem „NEIN“ ja klar, ein „JA“ aber das wäre jemand anderes gewesen und so antwortete ich „Ich bin nicht Mitglied der Partei und weiß somit auch nicht wie hoch der Beitrag wäre. „Man entließ mich aus dem Gespräch. Nach einigen Tagen kam eine Kollegin und gestand mir, sie solle mich umstimmen und das sie bereits gesagt hatte, das sie mich bereits gut kennt und ich bei meiner Entscheidung bleiben werde. So war es auch!

In Leipzig fanden bereits die Demos jeden Montagabend statt. Irgendwann wollte ich auch daran teilnehmen. Ich lebte damals ca. 20 km von Leipzig entfernt in einem kleinen Ort, der keinen Bahnhof hatte. Meine Arbeitsstelle war aber in Leipzig. Viele junge Menschen hatten damals ihre Arbeit in der Stadt gefunden, so auch eine meiner Freundinnen. Wir trafen uns nach der Arbeit in der Stadt, bummelten durch die Geschäfte und fanden uns schließlich vor der Nikolaikirche ein. Auf dem Dach des gegenüberliegenden Hauses sahen wir immer jemanden liegen. Es war aufregend, aber ich machte mir keinerlei Gedanken darüber, was uns geschehen könnte. Ich sympathisierte mit denen, die viel, viel mutiger waren als ich es je sein könnte und auch wahr. 

Meine Mutti hatte damals immer Angst um mich, dass mir etwas zustoßen könne, denn von drei Schwestern war ich immer die Mutigste, was das auch immer heißen mag. Ich war schon immer intuitiv und ich glaube, das half mir auch in dem Land, in dem ich groß geworden bin. So schreibe ich „groß“ geworden, weil ich damit auch „groß“ meine, und natürlich auch aufgewachsen. Kam ich zurück von der Demo nach Hause erzählte ich und steckte wohl mit meiner Erzählung an, sodass meine Mutti auch mitmarschieren wollte. Irgendwann liefen wir auch mal zusammen durch Leipzig. An einem Montag aber, bat mich meine Mutti unbedingt nach der Arbeit nach Hause zu kommen und keiner Demo beizuwohnen. Sie erzählte mir , das man von Panzern in den umliegenden Straßen sprechen würde und das es wohl eskalieren könnte. Mein Gefühl aber war ganz anders. Ich fühlte keine Angst. Für mich war es selbstverständlich dahinzugehen. Und zugegeben, es war manchmal schon Angst einflößend mitten untern Tausenden von Menschen zu gehen. Aber es machte mir auf der anderen Seite auch Mut. Denn dieses große Zusammengehörigkeitsgefühl in diesen Augenblicken war unglaublich stark. Ab und an lief auch Stasi mit in unseren Reihen, angezogen wie du und ich und deshalb nicht gleich zu erkennen und holten einige Demonstranten heraus, ganz willkürlich wie es schien. Wir wurden angehalten ganz nah beieinander zu gehen und ja, ich hoffe in solchen Momenten wieder heil nach Hause zu kommen. Aber ich fühlte auch, ich muss es tun, es war für eine gerechte Sache! Es war verkehrt, das fremde Menschen entscheiden sollten, ob ich Tante und Onkel, Cousin oder Cousine sehen durfte. Von allem anderen ganz zu schweigen. Der besagte Montag ging friedlich aus und am nächsten Tag fuhr ich wieder, wie immer zur Arbeit. Dort begegnete mir ein Abteilungsleiter. Vorher hatte mich nie jemand darauf angesprochen, er war der erste. Er meinte, er hätte wie viele andere seiner „Genossen“ die Demo auf Bildschirm verfolgt und gesehen was für asoziale Elemente das wären. In einem Bruchteil einer Sekunde schluckte ich meine Antwort herunter. „Ich bin Asozial?  Ich habe keine asozialen Elemente gesehen.“ Aber ich machte mir Gedanken darüber, wollte er provozieren? Mir missfiel das Wort asoziale Elemente sehr und konnte für mich keine Antwort darauf finden, wie ein Mann in den besten Jahren so eine Meinung verfassen konnte. Aber ich konnte mir auf die Zunge beißen und es verschlucken, wer weiß wo ich sonst gelandet wäre.

Als alles vorbei war, forderte ich meine Stasi-Akte an, denn mein Vater hatte eine und ich meinte, obwohl ich noch jung, ich könnte auch eine haben. Doch dem war anders. Es hieß zu den schlimmsten Zeiten kurz vor dem Ende der DDR, in jeder Abteilung eines Betriebes ist mindestens ein Spitzel und jeder Mensch im Staat hätte eine Akte. Wer wollte das von uns schon kontrollieren, aber ich dachte damals, ich hatte noch eine Kollegin und einen Chef, „Wer von euch beiden horcht?“ Dann kamen immer noch kuriose Situationen dazu, die mich haben vorsichtig sein lassen. So hatte meine Kollegin damals vor mir einen Zettel ausgefüllt. Als ich sie fragte, was sie mit Maschine dort ausfülle, sagte sie mir einen Antrag für ihre Aufnahme in die Partei. Konnte sie das nicht zu Hause tun? Sie fragte mich „Ob ich das verstehen könne, sie wolle schließlich noch etwas werden.“ Was sollte ich da denken, als das man auch sie auf mich angesetzt hatte. Oder sie wollte unbedingt zu meinen Geburtstagsfeiern ständig bei mir übernachten mit ihrer ganzen Familie. Warum? Ihre Tochter arbeitete damals bei einer Telefongesellschaft. Wollte sie heimlich Wanzen anbringen? Telefon hatten wir keines, das war nur den Bürgern in der Partei vergönnt. Oder wollte sie die Familie aushorchen? Hatte sie einen Auftrag? Hm, ich werde es keinesfalls mehr erfahren. Aber, mein Vati hatte eine Akte und die war dick.  Aber auch in der Verwandtschaft schaute ich genauer hin. Ein Onkel aus dem Westen fragte mich einmal, ob ich mit in den Westen wolle? Was hätte ich sagen sollen? „Na klar, wann geht es los? Wie machen wir das?“

Freiheit, ist wichtig in jeder Form! Einfach wichtig. Wenn du keinem wirklich mehr trauen kannst und so war es, ich habe es erleben müssen, wenn du immer kurz innehalten musst, um zu fühlen, ist das einer von denen? Kannst du ihr, oder ihm das sagen, oder bleibst du lieber still? Warum passiert das jetzt vor deinen Augen? Wieso hörst du das gerade? Und wenn dir unaufhörlich Fragen gestellt werden, welche immer wieder neu gestellt, oder du ständig hinterfragt wirst, einfach nur, weil du „nein“ sagst, und das ist das normalste der Welt, dann fühlst du dich irgendwann wohl selbst nicht mehr. Und bei anderen Familien waren ja noch ganz andere Dinge geschehen. Das damalige System hatte es wohl geschafft, das sich auch Familien gegeneinander ausspionierten. Schreckliche Vergangenheit.

Ich sehe den 3. Oktober als etwas Positives, auch weil viele von uns ausschlafen könnten, (Lächel) aber auch und vor allem für eine Wende im Leben, die Gutes brachte. Ja, Gutes.

 

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