„Mein Besuch in St. Alexej“

 

„St. Alexej“, das ist die russische orthodoxe Gedächtniskirche in Leipzig.  Sah ich sie früher nur aus der Straßenbahn, nahm ich mir einmal vor, diese Kirche zu besuchen. Warum konnte ich damals gar nicht wirklich sagen? Nur das mich irgendetwas irgendwie dorthin zog und ich sie mir aus nächster Nähe einmal anschauen mochte. 

Aus  meiner vergangenen Zeit, in der ich mich tiefgründig mit mir selbst beschäftigt hatte, konnte ich feststellen, dass sich so manches in meiner Seele angesammelt hatte, was Familienmitglieder an mich herantrugen, an Gesprächen, Gefühlen, Gedanken. So zum Beispiel sah ich als Jugendliche und später auch noch als junge Frau mir immer, wenn es möglich war,  Filme über den Zweiten Weltkrieg an. Irgendwann verfolgte mich das bis in meine Träume, dazu noch die Ängste meiner Mutter, die mir vom Krieg und von ihrer Flucht als 14-Jährige erzählte, oder womöglich sah ich mir die Filme deshalb gerade an, doch es wurde mir  ab einem bestimmten Zeitpunkt alles zu viel, denn ich hörte diese Kriegsbewältigung seit ich denken konnte. Ich lehnte diese Gespräche später ab, doch schenkte ihr immer einmal wieder Lektüre in Form von Dokumentationen oder Tatsachenberichten und damit hatte ich etwas Gutes getan, denn ein Buch hatte ihr gutgetan, weil sie dort lesen konnte, was auch ihr widerfuhr, das hatte sie mich wissen lassen. Doch ich bin zwanzig Jahre nach Kriegsende geboren, wie hätte ich ihr wirklich helfen können?  Und ich gab ihr damals den Anstoß vielleicht, wenn sie sich so damit herumschlagen muss, dies mit einem Therapeuten durchzugehen. Und ja, natürlich  empfand und empfinde ich es heute immer noch als unheimlich verachtende und menschenunwürdige Taten, gelinde ausgedrückt, was Menschen anderen Menschen angetan haben.

So glaube ich auch, dass auf der spirituellen Ebene Gefühle wie Hass, Angst, doch auch Liebe und damit verbundene Aufgaben weiter gegeben werden können, um die Energie des Klärens der alten Gefühle in der eigenen Seele zu bewegen, wenn Eltern oder auch Großeltern dies versäumten, verdrängten oder es die Zeit nie erlaubte, in der sie lebten.

Heute vertraue ich meinem Gefühl, und so glaube ich, das es die Seele meines Großvaters väterlicherseits war, welche mich hier herführen mochte, da mein Großvater im 2. Weltkrieg sein Leben gelassen hatte und das nirgendwo anders in der Welt, als in Russland. Zu gegebener Zeit kam mir dies nicht in den Sinn, und so habe ich mein Leben wieder einmal rückwärts verstehen können.

 

An einem kalten Samstag machten meine bessere Hälfte und ich uns also auf diese Kirche zu besuchen. Dort angekommen stellte ich beim Lesen des Aushangs fest:  zu spät, geschlossen. Etwas verärgert schaute ich drein und  sah jedoch zwei Frauen die Stufen an der Kirche nach oben steigen. „Ob sie nur schauen möchte?“, fragte ich mich und meinen Mann und er sagte, wir gehen ihnen einfach nach. Gerade als wir die letzten Stufen hinauf stiegen, sahen wir die Frauen wieder, und wie eine von ihnen ein Kopftuch aus ihrer Tasche entnahm und wieder fragte ich mich, ob sie sich etwa auf dieses setzten mochte, bei der Kälte auf den Fliesen und warten bis die Kirche morgen früh wieder öffnet? Das dünne Tüchlein bietet keinerlei Wärme und ich wollte wohl gerade etwas an sie herantragen,  just in diesem Moment begann ich auch schon zu lachen. Nein, wollte sie natürlich nicht. Sie band das Tuch um ihren Kopf und ging zur Kirchentür, wo ich ja annahm, das diese bereits geschlossen wäre. Mein Mann erklärte mir, dass eine Kopfbedeckung unabdingbar wäre, so legte ich ein paar schnellere Schritte auf die Fliesen und sprach die Frau an, ob denn wirklich alle eine Kopfbedeckung bräuchten, die diese Kirche besuchen? Sie antwortete sehr freundlich mit russischem Akzent, „Ja.“ Schnell zog ich meinen Schal aus meiner Jacke und fragte noch einmal unsicher nach, ob ich mir diesen denn um meinen Kopf legen könnte? Sie lächelte freundlich und sagte, „In Russland nein, aber in Deutschland wird es wohl nicht ganz so streng genommen werden, weil es eigentlich ein Kopftuch sein müsste, aber ich würde schon eingelassen werden.“ Ich bedankte mich fragte meinen Mann, ob ich trotz Schal um meinen Kopf ordentlich und so zumutbar unter die Leute gehen könnte, was er bejahte und ich wollte ihm glauben.  Also hoffte ich inständig, das diese Kirche nicht allzu voller Menschen wäre, denn es kamen immer mehr nach uns die Stufen nach oben und ja, ich fragte mich, was ich da gelesen hatte im Aushang und hoffte, nicht dieser Kirche verwiesen zu werden.

Mutig trat ich also ein und zeigte mich gleich beim Kauf einer Kerze. Niemand nahm Anstoß an meiner Kopfbedeckung und so entzündete ich meine Kerze, stellte sie zu den anderen, und bestaunte die wunderschönen Heiligenbilder in Gold. Es fühlte sich für mich schön an, in dieser Kirche zu sein. Sie ist sehr klein und ganz anders gehalten als unsere Kirchen, die ich kenne. So stand an einer Seite eine lange Holzbank, doch gesessen hat niemand darauf und in der Mitte ein großer Teller mit den abbrennenden Kerzen, doch ich hatte nur Augen für die Bilder in der Mitte des Kirchenraumes. So konnte ich also für mich festhalten, diese Kirche ist nicht nur im Außen anders, sondern auch ihr inneres birgt eine andere Gestaltung, als unsere Kirchen. Klein, aber sehr fein.

 

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