„Ein Traum von einem Engel“

Es war einmal eine kleine Holzwerkstatt und in ihr wurden schöne Dinge von Hand hergestellt. Vielerlei erwachte hier zum Leben.
Die Werkstatt gehörte einem alten Mann, der sie einst von seinem Vater übernommen hatte. Der alte Mann hatte eine Frau, doch sie hatten keine Kinder, dennoch, oder vielleicht auch gerade deshalb, entstanden immer wieder entzückende Gegenstände. Herzen aus altem Holz geschnitzt, mit Feen und Elfen bunt bemalt, kleine Holzfiguren, die erzählten, so schien es, auch kleinere Dosen und Kästchen und allerlei anderes.
Die Werkstatt war trotz der vielen Arbeiten immer gut aufgeräumt, sodass auch ein Besucher immer willkommen war, der dem alten Mann bei seiner Arbeit über die Schulter schauen konnte, ohne über etwas Holziges beim Gehen zu stolpern.
Die Frau des Mannes bemalte das Geschnitzte in unzähligen schönen Farben und hatte genau wie ihr Mann, viel Freude bei ihrem Tun. Ihre Werkstatt war nicht sehr groß, sehr überschaulich und doch hatte sie ein großes Fenster zur Straßenseite. Auf der Fensterbank reihte die Frau die schönen Dinge, die ihr Mann bereits fertiggestellt und die sie bemalt hatte auf, sodass sie Sonnenlicht erhielten. Ihr Mann lächelte immer wieder, weil er es absurd fand, denn viele Menschen kamen hier allerdings nicht vorbei, nur Wanderer oder die, die von dieser Werkstatt wussten. Doch die Frau des alten Mannes fühlte sich wohl dabei, sie wollte diese schön gestalteten Dinge nicht einfach in der Werkstatt irgendwo lagern, sie sollten, wenn sie erschaffen, Sonnenlicht haben, das Leben in sich aufnehmen können, auch wenn sie nur am Fenster stünden.
Eines Tages stand der alte Mann schon sehr früh auf. Es war kurz nach dem ersten Advent. In der Nacht hatte die Welt sich verändert, was am Tag zuvor noch grau, war nun mit weiß überzogen. Er schlüpfte in seine alten Schuhe, schlürfte damit über den Hof und ging in seine Holzwerkstatt. Dort hatte er einen kleinen Ofen. Er nahm die kalte Asche vom Vortag und gab sie in den Müll, dann befeuerte er den Ofen erneut. Leise begann das Holz im Ofen zu knistern und die grünen Kacheln wurden immer wärmer und gaben die Wärme in die Werkstatt ab. Der alte Mann machte sich an sein Werk, er hatte in der letzten Nacht einen Traum und in diesem Traum, sah er einen Engel mit langen blonden Locken, in einem weißen Kleid und er sah so wunderschön aus. In seinen Händen hielt der Engel eine kleine Dose, aus der es qualmte. Da wachte der alte Mann erschrocken aus dem Traum auf und fühlte sich etwas benommen. Er dachte darüber nach und kam darauf, dass dem Engel keinesfalls etwas Schlimmes geschehen sei, sondern, dass er der  Erste sein würde, der einen Engel mit einer  Dose schnitzt, worin eine Räucherkerze abbrennen könnte. „Verrückt“, dachte der alte Mann, „So etwas hätte die Welt noch nie gesehen. Einen rauchenden Engel zur Weihnachtszeit.“

So also begann er mit seiner Arbeit, denn der Engel musste noch vor dem Weihnachtsfest fertiggestellt werden.
„Seiner Frau muss er es erzählten“ ging ihm durch den Sinn,  denn sie soll den Engel, wenn er fertig geschnitzt, schön bemalen, so wie er ihn in seinem Traum wahrgenommen hatte.
Nach einer gewissen Zeit betrat seine Frau die Werkstatt und sah schon einen Korpus, wunderte sich und fragte sogleich, was er da Schönes schnitzen würde?  Er erzählte seiner Frau von seinem nächtlichen Traum und das er gerade dabei wäre, das, was er dort empfangen hatte, in die Tat umzusetzen. Seine Frau war entzückt von
diesem Gedanken, so etwas war ihnen noch nie geschehen bisher. 

Die Zeit verging und kurz nach dem zweiten Advent war der Räucher- Engel fertig geschnitzt. Es musste alles genau passen, der Abstand vom Kerzenhalter im inneren, auf dem eine Räucherkerze abgebrannt werden sollte, hin zu der kleinen Lochöffnung des Dosendeckels, aus dem der Rauch dann austreten sollte. Nun war die Arbeit seiner Frau gefragt, die mit ihren schönen Farben, dem Engel noch buntes Leben einhauchen durfte. Vorsichtig nahm sie die Holzarbeit ihres Mannes in die Hand und begann mit dem Bemalen.
Ein Detail nach dem anderen Stück für Stück von oben nach unten und nach zwei Tagen war es vollbracht. Beide standen demütig vor ihrer gelungenen Arbeit und sprachen kein Wort. Es war unglaublich still in ihrer Werkstatt, dann rührte sich der alte Mann von der Stelle, huschte über den Hof in die Wohnung holte ein paar Räucherkerzen
und hielt eine davon zwischen seinem Zeigefinger und Daumen hoch und sagte zu seiner Frau „Wir müssen es ausprobieren. Hoffen wir das es auch funktioniert.“ Seine Frau stand immer noch wie angewurzelt vor dem Engel und nickte zustimmend. Der Alte Mann nahm den oberen Teil der Dose ab und setzte eine Räucherkerze auf
die Ablage, zündete die Kerze an und gab den Deckel wieder darauf. Zwei kleine Löcher fanden sich in ihm, dort müsste der Rauch austreten und so war es auch. Der Engel mit seinem langen welligen Haaren, seinen braunen Augen und rotem Mund, in einem weißen Kleid mit zarten silbernen Tupfern lies Rauch aus seinem Gefäß, welches er in den Händen hielt, austreten und es war wunderschön anzusehen. Nach der ersten Probe folgte zugleich eine zweite. Die beiden verspürten so viel Freude dabei, dass sie es fast versäumt hätten, den Engel auf die Fensterbank zu stellen. Als die Frau des alten Mannes das tat, fühlte sie etwas Weh, denn viel zu wenige Menschen kamen zu ihrer Werkstatt, und wenn sie auch gern vieles selbst behalten hätte, wäre sie doch sehr froh darüber, wenn es den einen oder anderen Menschen gäbe, der ihre schön gestalteten
Dinge, wie diesen Engel sehen oder gar kaufen würden.

Doch manchmal wendet sich ein Blatt. Was an einem Tag
noch in Kummer ist am nächsten vielleicht schon vergessen.
Der alte Mann und seine Frau hatten noch etwas zu tun. Er schnitzte und sie bemalte das Geschnitzte fein, ab und an kamen Besucher, die ihre Werkstatt kannten und suchten das eine oder andere Geschenk. Sie begeisterten sich für die schönen Arbeiten der alten Leute, doch allein von Begeisterung konnten sie nicht gut leben. Es
war bereits ein Tag vor Heiligabend. Beide arbeiteten und immer wieder sah die Frau des alten Mannes zur Fensterbank.
„Ob unser Engel ein zu Hause finden wird?“, fragte sie ihren Mann. „Ach, ganz bestimmt, alles braucht seine Zeit“, antwortete ihr Mann und schnitzte ein Holzauto dabei. Um das Feuer im Ofen nicht ausgehen zu lassen, stand der alte Mann auf und gab etwas Holz hinein, da ging die Tür zur Werkstatt auf. Ein Mann mit dunklen Anzug und anscheinend sehr wohlhabend trat ein, grüßte freundlich und fragte ober er sich einmal umschauen dürfte. Die alten Leute freute es, denn sie wollten ihre Arbeiten ja auch verkaufen und da musste man die Besucher, auch alles sehen lassen, was sie in der Werkstatt herstellten. Der fremde Mann sah sich um, fand aber anscheinend nichts was ihm gefiel und verabschiedete sich freundlich,
dabei fiel sein Blick zur Fensterbank und auf den Räucher-Engel.
„Darf ich?“, fragte er zögerlich und der alte Mann antwortete „Natürlich, schauen sie ruhig. Wenn sie möchten, ich zeige es ihnen gern.“ Der fremde Mann nickte und sprach: „Ja.“  und der alte Mann nahm eine Räucherkerze, nahm den Holzdeckel der Dose ab, gab die Kerze auf die Ablage zündete sie an und danach setzte er den Deckel wieder auf die Dose. Der Rauch kam aus den Öffnungen der Dose und der fremde Mann stand wie verzaubert davor und schüttelte leicht und zuerst ohne etwas zu sagen sein Haupt. „Das habe ich noch nie gesehen. Der sieht wundervoll aus.“  sagte er und fragte zugleich
„Was kostet der Engel?“ Die Frau des alten Mannes bemalte gerade eine kleine Holzpuppe und der alte Mann schaute zu ihr, dann zu dem Fremden  und sagte ruhig „Es war ein Traum aus alter Zeit, doch ist vergänglich schon. Es ist die Welt, die Liebe zeigt in jedem Wort,
in jedem Ton. Es sind die Herzen, die doch brennen, in der Liebe bei jedem wohl und wenn Sie ein Herz besitzen, das Liebe lebt, dann wissen sie es schon.“
Dabei sah der alte Mann den Fremden an und dieser griff in seine Geldbörse und bezahlte still und leise.
Die alte Frau wickelte derweil den schönen Engel ein und wünschte ihm insgeheim eine gute Reise, gab ihn so an ihren Mann und der wiederum an den Fremden, dieser bedankte sich und ging aus der Werkstatt.Die beiden alten Leute jedoch arbeiteten weiter mit Freude und am Abend, als alle Arbeit getan, zählten sie das Geld, das der Fremde für den Engel gezahlt und fühlten sich reich belohnt für ihre Arbeit. Doch dies war bei weitem nicht alles.
Der Mann der diesen Engel erwarb, sprach von den schönen Dingen, welche die beiden alten Leute mit ihren eigenen Händen zum Leben erweckten und mit der Zeit kamen immer mehr Menschen von nah und auch fern und es kam die Zeit, da stand kaum noch etwas auf der alten Fensterbank, weil beide so viel zu tun hatten und alles verkauft werden konnte.
Für beide brach eine schönere Zeit an, denn ihre Dinge erfreuten die Menschen, groß und klein und außerdem, sie hatten viel Freude beim Tun. Warum der alte Mann und seine Frau so lange darauf warten mussten, dass es ihnen besser ging, bleibt wohl ein Geheimnis.

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